Friday, October 28, 2005

geschichte tutorium ws05/06

Aufgabenstellung: Boas und Nachfolger, Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?
Inhaltsverzeichnis:

I. Franz Boas
I.I. Berühmteste Werke
II. Die Entstehung der nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jh.
III. Boas Ansatz und seine kulturrelativistische Sicht
IV. Die „Boasians“
V. Kritik
VI. Schlussbemerkung
VII. Bibliographie


I. Franz Boas
Franz Boas wurde in Minden/Westfalen geboren und studierte Mathematik und Physik. Er war Jude und arbeitete zeitweise unter Adolf Bastians Leitung am Museum für Völkerkunde in Berlin. 1887 übersiedelt er in die USA und wurde zu einem der ersten großen Feldforscher und zum Begründer einer ganzen Wissenschaft: der Kulturanthropologie. Er betrieb unter anderem Feldforschung bei den Kwakiutl (Indigene NA), diese waren vorwiegend Jäger und Sammler und hatten reichhaltige und üppige Ressourcen zur Verfügung und wiesen eine starke innere Hierarchie auf. Boas erforschte dort das Phänomen des Potlatsch. 1899 erhält er an der Columbia Universität/New York den ersten Lehrstuhl für Kulturanthropologie. [2]

I.I. Berühmteste Werke [5]
„Growth of Children“ (1896-1904)
„Changes Inform of Body of Descendant of Immigrants“ (1911)
„The Mind of Primitive Man“ (1911, 1938)
„Kultur und Rasse“ (1913)
„Primitive Art“ (1927)
„Anthropology and Modern Life“ (1928-1938)
„General Anthropology (with others)“ (1938)
„Race, Language, and Culture“ (1940)
„Dakota Grammar“ (mit Ella Delora) (1941)

II. Die Entstehung der nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jh.
S. Silverman fasst die Entstehung der Amerikanischen Anthropologie wie folgend zusammen, mit der Begründung so würde eine kurze Beschreibung dieses Themas in einem Standart Werk aussehen:
Ihr Gründervater war Franz Boas (1858 – 1942), der die Hauptakteure der ersten Hälfte des 20. Jh. stark prägte und unterrichtete. Mit Boas kam die Anti-Evolutionismus Kritik und die Institutionalisierung von Anthropologie in Universitätsdepartments und Museen.
Auf Boas geht weiters der „four-field“ Approach, sowie die Verwendung von Kultur als ein Kernkonzept – in Opposition zu der gesellschaftlichen und sozialstrukturalen Betonung der Britischen Sozial Anthropologie besonders von Erklärungen basierend auf „race“ oder „biology“ zurück. [3]

Silverman stellt außerdem fest, dass dies zwar alles der Wahrheit entspreche, allerdings war die Geschichte der Amerikanischen Anthropologie nicht einfach eine systematische Entwicklung, kontrolliert und vereinigt unter einer Schule gegründet von den Nachfolgern Es war stattdessen ein großer Schauplatz mit vielen Debatten, Konflikten und theoretisch, sozial, politisch, kulturellen sowie institutionellen Unterschieden. [3]

So wäre auch die „American anthropological landscape“ in die Boas sich selbst eingefügt hatte, weder unbesetzt, oder hätte gar regelrecht seinen Einfluss erwartet, noch wäre sie völlig frei von potentieller Konkurrenten gewesen. [3]

III. Boas Ansatz und seine kulturrelativistische Sicht
Der klassische Kulturrelativismus kam von Franz Boas und seinen Schülern. In der ersten Hälfte des 20. Jh. War er das dominante Paradigma der amerikanischen Anthropologie. Einige Anhänger, auch Boas selbst, betonten die Reichhaltigkeit von Kulturen, die allgemein als primitiv bezeichnet wurden. Und einige, eben auch Boas, verwendeten die relativistische Ideologie um gegen Rassismus, Antisemitismus und nationalen Zelotismus zu argumentieren. [1]
Boas berühmtestes Buch: The mind of primitivman“ wandte sich gegen den beginnenden Rassismus in Amerika und auf der ganzen Welt. Während er anscheinend einige Aspekte von Evolutionismus für seinen Begriff vom „Fortschritt der Kultur“ akzeptierte, lehnte er jede biologische Basis für Kultur ab. [1]

Obwohl der Kulturrelativismus bereits mehr als ein Jahrhundert vor ihm eingeführt wurde, so war es doch Boas der den Kulturrelativismus zu einer zentralen Prämisse für anthropologische Forschung. [4]
Boas Kulturrelativismus richtete sich gegen das große evolutionistische Schema von Tylor, Morgan und Anderen. Er argumentierte dass, „each culture had to be understood on it´s own term” und dass es wissenschaftlich irreführend wäre Kulturen nach einem westlichen, ethnozentrischen, typologischen messen von „levels of development“ zu beurteilen und zu klassifizieren.
Folglich förderte Boas auch einen „historical particularism“ die Ansicht, dass alle Kulturen oder Gesellschaften ihr eigene, einzigartige Geschichte haben, welche nicht reduzierten werden könnte zu einer Kategorie eines universalistischen Schemas von Entwicklung. [4]

Boas forderte die Erhebung empirischer Daten durch intensive Feldforschung. Er meint, dass der Anthropologe Informationen aus erster Hand haben sollte, statt über die Vergangenheit zu spekulieren. [2]

Boas Paradigma machte die empirische Datenerhebung von den als rapide vom verschwinden angesehnen indigener Kulturen zur Priorität der Anthropologie. Es sah die vier Subfelder (Archäologie, Biologische und Physische Anthropologie, Kulturanthropologie, Linguistische Anthropologie) der Anthropologie als Ergänzungsmittel für die Forschung und historische Rekonstruktion von oralen Kulturen an. Es betont die Sprache aus einer Sicht heraus, diese sei der Eingang in das mentalen Stadium der Indigenen. [3]

Boas Paradigma behauptet weiters die relative Autonomie von kulturellen Phänomenen. Der Schlüssel dazu war seine Trennung von Rasse, Sprache und Kultur, denn diese wären ausgeprägte Phänomene und Gegenstand von abhängigen Ursachen. [3]

Wegen Boas Einfluss viel die materialistische Tradition von Morgan in den USA während der ersten Hälfte des 20.Jh.in den Hintergrund. Diese taucht jedoch später als „cultural ecology“ und Neo-Evolutionismus wieder auf. [4]

IV. Die „Boasians“
Boas hat aber seine Ideen, vielleicht wegen seines Partikularismus, niemals in einer theoretischen Abhandlung systematisiert. Einige seiner Schüler entwickelten trotzdem allgemeine Theorien von Kultur, die bemerkenswert darunter waren von Ruth Benedict, Alfred Kroeber und Robert Lowie. [4]

Eine seine berühmteste Schülerin war Margret Mead (1901-78). Obwohl ihre Bestseller über verschiedene Pazifische Gesellschaften kritisiert wurden, dass sie ethnographisch oberflächlich seien, so verwendeten sie dennoch auf geschickte Weise Material von Nicht-Westlichen Gesellschaften um Fragen bezüglich der Geschlechter Beziehungen, Sozialisation und Politik des Westens aufzuwerfen. Meads Arbeiten zeigen vielleicht sogar besser als die aller andern Anthropologen, das Potenzial von Kultureller Kritik innewohnend in der Disziplin selbst. [4]

Mead machte ihren jungfern Feldtrip nach Samoa 1926 im Geiste von Boas wissenschaftlicher Seite. Meads Samoa Arbeit war wahrscheinlich die erste amerikanische Ethnographie im ganzheitlichen, Malinowskischen Sinne ausgerichtet, basierend auf teilnehmender Beobachtung. [3]

Es war jedoch Benedikt, die Boas Integrations- Interessen weiterführte. Sie war beeinflusst von Sapirs Ansichten von Kultur und Individuen, aber während er die Individuen betonte, konzentrierte sie sich auf Kultur. Benedicts eigener Ausflug in die Pueblo Ethnographie und ihre Verbindungen mit Ruth Bunzel, Reo Fortune, Mead und anderen lieferten den Ansatz für ihr Buch „patterns of culture“. Jede Kultur, schrieb Benedict, selektiert und gut ausgearbeitet auf bestimmte Teilbereiche des Bogens von menschlichen Möglichkeiten, jede Kultur könne als „personal writ large“, integriert werden um bestimmte dominante Themen herum. Die unterschiedlichen beschriebenen Kulturen werden verglichen mit psychologischen Syndromen und dem individuellen Schicksal – entweder um erfolgreich und bewundert zu werden oder um als abnormal definiert zu werden – abhängig von der Anpassung seiner oder ihrer Persönlichkeit an die betonten oder verunglimpft Werten von der Kultur. [3]

Einer der bemerkenswertesten Mitarbeiter Boas, der Linguist Edward Sapir (1884 -1939) formulierte gemeinsam mit seinen Schüler Benjamin Lee Whorf die so genannten Sapir-Whorf Hypothesen. Diese postulieren, dass die Sprache „determines cognition“ und dass die Sprachen der Welt sich enorm von einander unterscheiden, und nicht wie früher angenommen wurde ziemlich ähnlich wären. Im Einklang mit einem radikalen Kulturrelativismus, besagt diese Hypothese, dass zum Beispiel die Hopi Indianer die Welt, in einer fundamentalen und andersartigen Weise als die westliche, sehen und wahrnehmen infolge der Unterschiede in der Struktur ihrer jeweiligen Sprache. [4]

Moderne Amerikanische Anthropologie war einerseits von den „Boasians“ und ihrer relativistischen Ansichten und andererseits von dem Bedürfnis geprägt die vom Aussterben bedrohten eingeborenen Kulturen aufzuzeichnen bevor es zu spät sei. [4]

Boas und seine Nachfolger unterstützten alle eine Lehre von normativem, besonders kognitivem Relativismus.
Der normative Relativismus behauptet, dass es keine universalen Standards gibt, um zwischen Kulturen zu urteilen, weil Kulturen einander immer nach ihren eigenen internen Standards beurteilen. Der normative Relativismus gliedert sich in:
a) kognitiver Relativismus: beschäftigt sich mit deskriptiven Behauptungen, er meint, dass alle Aussagen über die Welt kulturell bedingt sind, nicht kulturell bedingte Aussagen sind nicht möglich.
b) moralistischer Relativismus: beschäftigt sich mit bewertenden Behauptungen. In sozialer und psychologischer Hinsicht müssen sowohl angemessenes Verhalten als auch Denkprozesse in Hinblick auf kulturelle Werte beurteilt werden. [1]

Obwohl man von Boas Schülern oft als die „boasians“ spricht, gab es dennoch sehr große Unterschiede zwischen ihnen. Innerhalb der ersten Generation trennten sie sich in Hinsicht wie dem Boas Programm nachgefolgt werden sollte. George Stocking Jr. zog eine Unterscheidung zwischen den strikten und den Rebellenhaften Boasianern. In die Ersten Kategorie fallen Lowie, Leslie Spier, Herskovits, Wissler und Speck. Die zweite schließt Kroeber mit ein, der seinen eigenen Pfad von „historicism“ verfolgte und Saphir der sich auf individuelle und linguistische Zugänge konzentrierte, die zusehends von denen Boas abwichen. Stocking sieht auch eine dritte Kategorie von sich entwickelten Boasianern, unter ihnen Ruth Benedict und Margaret Mead. [3]

V. Kritik

Nicht selten ist der Kulturrelativismus kritisiert worden, weil er u. a. verlangt, z.B. aus dem islamischen Kulturkreis stammenden Menschen das Recht zuzugestehen, die Menschenrechte nicht beachten zu müssen, weil diese ein Produkt der westlichen Kultur seien, und daher auch von Muslimen begangene Menschenrechtsverletzungen nicht angeprangert werden dürften, weil dies "rassistisch", "ethnozentrisch" und "eurozentrisch" sei.
Diese Haltung wird oft von anderen aus dem islamischen Kulturkreis stammenden Menschen angeprangert (z.B. Ayaan Hirsi Ali). Diese führen zum Beispiel an, es sei gerade rassistisch Menschen aufgrund der ihnen per Herkunft zugeschriebenen Kultur den Anspruch auf Menschenrechte verweigern zu wollen. [6]
Boas vertritt ein sehr strenges Konzept das kaum Spielraum zulässt. Er ist somit ein Vertreter des harten Kulturrelativismus. Er sagt, dass man ohne eine andere Sprache zu erlernen gar nicht Feldforschung betreiben kann. Kultur ist seiner Meinung nach wie die Sprache, man versteht beides nicht, wenn man nicht in der Kultur/Sprache selbst aufgewachsen ist. Boas sagt, Sprache ist Ausdrucksmittel für Kultur, Kultur wird ausgedrückt durch Sprache. Hier wird zum Beispiel das Phänomen des Multikulturalismus ausspracht gelassen, denn er übersieht das „wir“ nicht der Normalfall sind, eine Kultur wo meist nur eine Sprache gelernt wird, doch es gibt Kulturen die wo es ganz normal ist gleichzeitig mehrere Sprachen zu erlernen. Außerdem können Kinder schon lange bevor sie sprechen auch wahrnehmen. Seine Überbetonung der Sprache gilt es hier zu kritisieren. Außerdem führen seine Ansichten auch zu einer elitären Richtlinie, denn nicht jeder kann sich wirklich in eine fremde Sprache/Kultur hineinfühlen. [7]
VI. Schlussbemerkung
Der „harte“ Kulturrelativismus wie in Boas, Benedict und Mead vertraten ist aus heutiger Sicht nicht mehr angebracht, da er sehr strickt ist und sich eigentlich nicht mehr weiter entwickeln lässt, denn wenn jede Kultur eine Einheit für sich ist und nur aus sich heraus verstanden werden kann, so haben wir hier eine Überbetonung der Besonderheiten der Kultur ohne aber auch die Gemeinsamkeiten zu beachten. Ein sehr „weicher“ Kulturrelativismus scheint daher aus heutiger Sicht vernünftiger und angemessener zu sein.


VII. Bibliographie
[1] Barnard, Alan
2000 History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press

[2]Haller, Dieter
2005 dtv-Atlas Etnologie, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

[3] Silverman, Sydel
2005 The Boasians and the Invention of Cultural Anthropology. In: Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin & Sydel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology, the University of Chicago Press: Chicago, S. 247-274

[4] Eriksen, Thomas Hylland
2001 Small Places, Large Issues. London: Pluto Press

Internetquellen:
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas
10.01.2006 Zuletzt aufgerufen

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrelativismus
10.01.2006 Zuetzt aufgerufen

Mündliche Quelle:
[7] Gingrich, Andre
09.11.2005 Mitschrift aus Vorlesung zur Geschichte der KSA, Universität Wien